Nein, ich habe nicht eines Tages gemerkt, dass ich hellsehen oder Gegenstände durch die Luft fliegen lassen kann. Ich glaube ich bin auch nicht begabter als der Durchschnittsmensch. Jedoch bin ich überaus empfindsam und gefühlvoll. Das war ich schon immer. Ziemlich früh merkte ich, dass diese Eigenschaft nicht nur positive Seiten mich sich bringt. Ich wurde ängstlich. Und stellte mich den ersten Dämonen, die ich nicht unbedingt als übernatürlich deklariere. Denn ich weiss, dass ich sie selbst gerufen und somit erschaffen habe. Es sind meine Dämonen. Und auch wenn sie mir Angst und Schrecken lehren, kann ich sie irgendwie selbst wieder verschwinden lassen. Eine Lektion die ich erst über Jahre lernen musste.
Als junges Kind war eine Hexe für mich eine alte buckelige Frau, die zaubern kann und kleine Kinder wie mich verspeisen will. Ich kann mich noch genau an das Hänsel und Gretel-Video erinnern, was ich damals häufig ansah, obwohl ich mich so unsagbar vor der Hexe fürchtete. Erst ein paar Jahre später veränderte sich das Bild der Hexe für mich. Und mit etwa dreizehn Jahren, als wir noch nicht lange über einen Internetanschluss verfügten, suchte ich das erste Mal nach dem Begriff “Gothic”. Da ich zu dieser Zeit viele schwarze Kleidung trug, sprach man mich irgendwann auf dieses Wort an, aber ich verstand nicht was es bedeutete. Es dauerte nicht lange und fand die ersten Wicca-Webseiten. Verfänglich für esoterisches aller Art war ich schon immer, also verfiel ich in einen Rausch und sog alles an Informationen in mich auf was ich bekommen konnte. Ich wollte unbedingt auch eine Hexe sein. So dauerte es nicht lange, dass ich mich mit ein paar Büchern eindeckte, einen Altar im Kinderzimmer baute und jede Menge Ritualgegenstände anhäufte. Auch ein Buch der Schatten begann ich zu schreiben. Aber wie in diesem Alter vorherzusehen war, ging ich alles etwas zu naiv an. Für richtige Rituale oder Ähnliches war ich zum Glück zu ängstlich. Jedoch zwang ich mich regelrecht dazu an den gehörnten Gott und die Göttin zu glauben. Es war ein langer Lernprozess und ein steiniger Weg zu begreifen, dass das alles in dieser Form nicht das ist was mich wahrhaftig erfüllt. Wenige Jahre später steckte ich mitten in der Pubertät und alles was von meinen spirituellen Anfängen übrig war, war das Pentagramm um meinen Hals. Es blieb viele Jahre mein Glücksbringer, bis ich es zu aufgesetzt und unauthentisch für mich empfand.
Anfang 2010 lernte ich eine junge Frau kennen, die ähnliches wie ich erlebte. Wir unterhielten uns über das Hexentum, tauschten ein paar Erfahrungen aus unserer Jugend und stellten schnell fest, das wir da immer noch etwas in uns tragen und die Energie und der Drang zur Hexenkunde und die Philosophie dahinter noch da war, bloß unbeachtet und etwas verstaubt in der Ecke stand.
Vor wenigen Jahren sammelte ich zusammen mit meinem Lebenspartner an einem See an dem ich meine Kindheit verbrachte, ohne großen Gedanken an das FUTHARK, vierundzwanzig wunderschöne kleine Steine. Ich sammelte sie einfach so. Wusch sie zuhause mehrmals, fühlte mich einfach dabei wohl, legte sie in eine Schublade und vergaß sie. Vor wenigen Monaten erinnerte ich mich an sie und empfand das Ganze als eine Art Fügung, wenn auch keine göttliche. Und so fing alles an. Richtig an. Liebevoll bemalte ich die Steine mit einer Naturfarbe, hielt sie lange in den Händen und schenkte ihnen Kraft. Meine eigenen Runensteine wurden geboren.
Seit diesem Moment fange ich wieder an mein Wissen aufzufrischen und mich zu orientieren. Ich kann mit mir nicht vereinbaren an einen Gott oder an mehrere Gottheiten zu glauben, aber ich weiss um die Natur, möchte bewusst mit ihr umgehen lernen und mit ihr im Einklang sein. Wie ich das alles bewältige, was für Erlebnisse auf mich warten und was für Erfahrungen ich mache… wird sich zeigen. :)
- Sıçan


